Studium

Friday, January 13, 2006

Diskutiere die wichtigsten Aussagen der Werke „Die Gabe“ von Marcel Mauss und „Rites de Passage“ von Arnold Van Gennep. Wie sind die beiden Autoren im Kontinuum ausgehend vom Durkheim’schen Werk bis zum Strukturalismus einzuordnen?

„In diesen (wie wir sie nennen möchten) „totalen“ gesellschaftlichen Phänomenen kommen alle Arten von Institutionen gleichzeitig und mit einem Schlag zum Ausdruck: religiöse, rechtliche und moralische – sie betreffen Politik und Familie zugleich; ökonomische – diese setzen besondere Formen der Produktion und Konsumation oder vielmehr der Leistung und Verteilung voraus; ganz zu schweigen von den ästhetischen Phänomenen, in welche jene Tatsachen münden, und den morphologischen Phänomenen, die sich in diesen Institutionen offenbaren.“ [1]

Um dieses Zitat, das Mauss in seinem Werk zu seinen Abhandlungen rund um „Die Gabe“ schreibt, wird es einerseits in meiner Arbeit hier gehen. Ich werde versuchen, sein Werk kurz vorzustellen, seine Gedanken zum System der totalen sozialen Leistungen sowie zum Potlatsch zu beschreiben und kurz deren wichtigste Aspekte aufzuzeigen.
Andererseits werde ich im folgenden Beitrag auch auf die wichtigsten Aussagen von Arnold Van Gennep in seinem Werk „Rites de Passages“ eingehen.

Abschließend möchte ich versuchen eine Verbindung zu den Theorien von Emil Durkheim bis hin zum Strukturalismus herstellen.


1. „Die Gabe“ – Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften (1923)

In seinem Werk „Die Gabe“ geht Mauss der Frage nach, welche verschiedenen Ausprägungen des Gabenaustauschs es gibt und welche Bedeutung dieser für die Gesellschaft hat.

Er beschreibt also das Phänomen des Gabentausches in altertümlichen Systemen. Dieses Phänomen umfasst einen sehr großen Teil der Menschheit und ist auch heute noch in vielen Gesellschaften zu finden, sowie sämtliche Erwartungen, Verpflichtungen und Vorstellungen, die damit verbunden sind.
Er beschreibt dies aus der Sicht mehrerer Kulturen, und durch mehrere Zeitepochen hindurch.

Dies ist ein grundlegendes Fundament sehr vieler Gesellschaften und ihrer Institutionen, die das gesamte soziale und wirtschaftliche Leben durchdringt. Er bezeichnet den Gabenaustausch als ein total soziales Phänomen. [2]

Mauss gewinnt diese Erkenntnis mit Hilfe der Methode des präzisen Vergleichs und untersucht vorwiegend Gesellschaften in Melanesien, Polynesien, Nordafrika und Nordwestamerika. [3]

Mauss erklärt den Gegenstand der totalen Leistungen folgendermaßen, und zwar dass es sich bei dem, was ausgetauscht wird, nicht ausschließlich um Güter und Reichtümer, bewegliche und unbewegliche Habe und wirtschaftlich nützliche Dinge handle. Es sind vor allem Höflichkeiten, Festessen, Rituale, Militärdienste, Frauen, Kinder, Tanz, Feste und Märkte, die nicht zwischen Individuen, sondern zwischen Kollektiven, vertreten durch ihre Stammeshäuptlinge, ausgetauscht werden und dem Prestige-Gewinn dienen. [4]

Er untersucht auch das Auftreten des Potlatsch als eine spezielle Form der totalen Leistungen, wie er in Melanesien, Polynesien, bei den Nordwestamerikanischen Stämmen, bei den Papua und einem Teil von Nordamerika auftritt. Der Potlatsch beinhaltet noch zusätzlich, das Prinzip der Rivalität, des Antagonismus und der Zerstörung der erhaltenen Reichtümer zwecks zusätzlicher Prestigesteigerung.
Mauss bezeichnet den Potlatsch als ein „totales Phänomen“ mit der Begründung, dass er „religiös, mythologisch und schamanistisch ist, da die beteiligten Häuptlinge dabei die Vorfahren und die Götter darstellen und verkörpern.“ [5]

Ein weiterer Aspekt, den man bei den Maori gefunden hat, beinhaltet die Vorstellung, dass die gegebene Sache ein Teil seiner eigenen Natur und Substanz ist. Damit ist die gegebene Sache beseelt, und da sie physisch und geistig von einer anderen Person kommt, hat sie magische und religiöse Macht über den Empfänger. [6]

Als einen nächsten Gesichtspunkt beschreibt Mauss die drei Verpflichtungen. Grundsätzlich muss man Geschenke überhaupt machen, dann diese anzunehmen und schließlich innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu erwidern. [7]

Bei Forschungen in Melanesien, genauer gesagt auf den Trobriand Inseln, fand man die Sitte des Potlatsch noch höher entwickelt. Hier findet er den Kula, der das ganze Handelssystem umfasst. [8]


2. „Rites de Passage“ ( 1909)

Ein von Arnold Van Gennep geprägter und popularisierter Ausdruck zur Bezeichnung jener Riten, die den Übergang eines Menschen von einem Zustand oder Sozialstatus in einen anderen vorbereiten oder begleiten, wird als Übergangsritual oder eben „rites de passage“ bezeichnet. [9]
Sein Hauptwerk gilt noch heute als Klassiker, obwohl er ein Opfer eines akademischen Boykotts wurde und dessen Ideen selbst heute noch vielleicht besser in der angelsächsischen Welt als in Frankreich bekannt sind. [10]

Seit Beginn des 20. Jh. bis heute hat das Hauptwerk Van Genneps wichtige Anregungen zum Ritual- und Symbolverständnis gegeben und dazu beigetragen, Rituale zu einem bevorzugten ethnologischen Untersuchungsgegenstand zu erheben.[11]

Van Gennep interessiert besonders das Verhältnis zwischen dem statischen und dynamischen Aspekt einer Gesellschaft. Jede Gesellschaft besteht aus verschiedenen heterogenen Gruppen (wie Altersklassen, Verwandtschaftsgruppe, religiöse Vereinigungen, usw.). Im Laufe ihres Lebens wechseln Menschen immer wieder ihre Gruppenzugehörigkeit. Diese Grenzsituationen werden als bedrohlich empfunden. Sein Interesse gilt vor allem den sozialen Bedeutungen der Riten. [12]

Van Gennep unterscheidet drei Momente am Ablauf eines jeden Übergangrituals.

1) Die Trennung von der früheren Stellung oder dem früheren Leben – das heißt man wird aus dem früheren Alltag ausgegliedert.
2) Die Phase in dem das Alte nicht mehr gilt, aber das Neue noch keine Bedeutung hat – diese Phase wird auch als „Liminale Phase“ bezeichnet
3) Die Aufnahme, die die Person in die Gesellschaft mit dem neuen Status wiedereingliedert.

Alle bedeutenden kritischen Perioden des menschlichen Lebens z.B. Geburt, Pubertät, Heirat, Tod, usw. werden durch Übergangsriten hervorgehoben. [13]


3. Kontinuum von Durkheim bis zum Strukturalismus

3.1. Marcel Mauss

Marcel Mauss, der Neffe von Émil Durkheim und dessen hervorragendster Schüler, galt nach Durkheims Tod als die führende Gestalt in der französischen Soziologie. Seine Reputation war eng mit dem Schicksal der Année Sociologique verbunden, die er zusammen mit seinem Onkel gegründet und berühmt gemacht hatte. [14]

Mauss stand in der philosophischen Tradition, die von Montesquieu über die Philosophen der Aufklärung bis hin zu Durkheim führte, einer Tradition, in welcher Schlussfolgerung eher durch die Analyse von Begriffen als von Tatsachen erreicht wurden. [15]

Mauss wollte jeweils nur einen begrenzten Tatsachenbereich kennenlernen und ihn dann verstehen, und was er mit Verstehen meint, kommt in seinem Essay über die Gabe sehr deutlich zum Ausdruck. Es bedeutet, soziale Phänomene so, wie Durkheim es lehrte, in ihrer Totalität zu sehen. [16]

Mauss will vor allem mit seinem Werk zeigen, dass auch andere Faktoren wie z.B. soziale Bande die Gesellschaft zusammenhalten kann. [17]

Schüler von Mauss führen seine Gedanken weiter aus. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Louis Dumont und Claude Lévi-Strauss. Diese beiden sind sehr wichtige Vertreter des Strukturalismus. [18]

Claude Lévi-Strauss hat den Strukturalismus in der Anthropologie entwickelt. Er hat diese Untersuchungsmethoden mit besonderem Erfolg auf die Verwandtschaftssysteme und auf die Mythenforschung angewandt.
Louis Dumont beschäftigte sich intensiv mit Gesellschaftssystemen in denen komplexe und hierarchische Strukturen wie z.B. in Indien vorherrschen. [19]



3.2. Arnold van Gennep

Van Gennep war Zeitgenosse von Émil Durkheim. Zeit seines Lebens war er ein Außenseiter des wissenschaftlichen Lebens, der sich durch nonkonformistische Theorien von der Lehrmeinung seiner Zeit abgrenzte. Vor allem durch Émil Durkheim
und seine Schule wurden seine Erkenntnisse nicht anerkannt. [20]

Jedoch in einem Punkt vertraten sie die gleiche Meinung und zwar den der Religion. Beide meinten, dass Religion von Menschen entwickelt wurde. [21]

Er zeigte als erster die universelle und innerer Struktur, Logik und Funktion für die gesellschaftliche Ordnung auf. Sein Interesse an diesen Zusammenhängen führte dazu, dass er als Strukturalist und Funktionalist charakterisiert wurde. [22]

Vorallem der britische Strukturfunktionalist Max Gluckmann griff seine Gedanken auf und beschäftigte sich mit den sozialen Funktionen und Ritualen. Seine Bekanntheit verdankt die Arbeit auch dem Werk von Victor Turner und dessen Rezeption. Turner geht vom Dreiphasenmodell der Übergangsriten aus, legt aber seinen Schwerpunkt auf die 2. Phase, die liminale Phase, auf deren besondere Bedeutung auch schon Van Gennep hinwies. [23]

Indem Van Gennep als Erster die zugrunde liegende Struktur darlegte, trug er dazu bei, die Funktion und die innere Logik der Übergangsriten als Teil allgemeinen menschlichen Verhaltens zu begreifen.
Sein Modell und seine Terminologien der Übergangsriten werden bis heute von Anthropologen, Religionswissenschaftler, Soziologen verwendet und auf komplexe und säkulare Gesellschaften angewendet. [24]

Die Überlegungen von Mauss bezüglich der Gabe und des Gabenaustausches sind heute ebenfalls nicht mehr aus der Anthropologie und der Ökonomie wegzudenken.

Abschließend kann man sagen, dass Mauss und Van Gennep durch ihre Ideen und Werke sehr wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung der Anthropologie in Europa erbracht haben. Sie haben viele ihrer Nachfolger beeinflusst, die ihre Ideen weiterentwickelt und verfeinert haben.


Quellen:

[1] Mauss, Marcel: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/Main 1990: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, S.17f.

[2] Mauss, Marcel, ebenda, S. 10.

[3] Mauss, Marcel, ebenda, S. 20.

[4] Mauss, Marcel, ebenda, S. 22.

[5] Mauss, Marcel, ebenda, S. 22 ff.

[6] Mauss, Marcel, ebenda, S. 31f.

[7] Mauss, Marcel, ebenda, S. 36.

[9] Panoff, Michel; Perrin, Michel: Taschenwörterbuch der Ethnologie. Begriffe und Definitionen zur Einführung. Berlin 2000: Dietrich Reimer Verlag, S. 213.

[10] Panoff, Mechel, Perrin, Michel, ebenda, S. 246.

[11] Feest Christian F.; Kohl Karl-Heinz (Hg.): Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart, 2001: Alfred Kröner Verlag, S. 128.

[12] Feest Christian F.; Kohl Karl-Heinz (Hg.), ebenda, S. 128f.

[14] E.E. Evans.Pritchard: Vorwort zu M. Mauss „Die Gabe“. Frankfurt/Main 1990: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, S.7.

[15] E.E. Evans.Pritchard: Vorwort zu M. Mauss, ebenda, S. 9.

[16] E.E. Evans.Pritchard: Vorwort zu M. Mauss, ebenda, S. 9f.

[8] [13] [17] [18] [19] [21] LV Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie – Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, WS 2005/2006.

[20]
http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_van_Gennep heruntergeladen am 09.01.2006.

[22] Feest Christian F.; Kohl Karl-Heinz (Hg.), ebenda, S. 131.

[23] [24] Feest Christian F.; Kohl Karl-Heinz (Hg.), ebenda, S. 132.

Thursday, January 12, 2006

Weiterer Essay folgt!!

Tuesday, November 29, 2005

Durkheim

Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?David - Émil Durkheim (1858 – 1917)


Im folgenden Beitrag werde ich die wichtigsten Einflüsse von Emil Durkheim für die Anthropologie bzw. für die Sozialwissenschaft im 20. Jahrhundert behandeln.

Zuerst gehe ich auf seine Beiträge und Werke ein, und schließe mit den Auswirkungen seiner Theorien für spätere Forschungsrichtungen ab.


1. Theorienbildung und wichtige Beiträge

Durkheim zählt zu den wichtigsten Gründervätern der Anthropologie und der Sozialwissenschaft in Europa. Für Durkheim war die Sozialwissenschaft eine eigene Disziplin und war sehr erfolgreich in deren Weiterentwicklung.
Er revolutionierte die gesamte Sozialwissenschaft, und legte weiters in Westeuropa die Grundlagen für die Annäherung der Anthropologie zu den übrigen Sozialwissenschaften fest.

Er orientierte sich an den soziale Theorien von einigen Vorläufern wie Montesquieu, Saint-Simon und Compte.Weiters wurde er auch sehr stark von anderen Disziplinen beeinflusst wie z.B. der PhilosophieObwohl Durkheim eher skeptisch den Werken von Kant gegenüber stand – kann man seine Vorliebe zu Dichotomien direkt zu Kant zurückführen. [1]

Durkheim war auch politisch sehr engagiert, er war bei den Sozialdemokraten zu Hause.

Weiters ist hier noch zu erwähnen, dass Durkheim zur letzten Generation der „Armchair Anthropology“ gehörte. Das heißt er war kein direkter Feldforscher und stütze sich auf Daten und Berichte von anderen z.B. Reisenden oder Missionaren.


1.1. „Année sociologique“

Er gründete mit einer Gruppe von Anhängern im Jahr 1896 die Zeitschrift „Année Sociologique“. Diese Gruppe von Anhängern (dazu gehörten Philosophen, Juristen, Ökonomen, Historiker) teilten mit ihm die Vision der Integration der Soziologie als eigene Disziplin in der Wissenschaft.

Diese Zeitschrift erlangte dann auch einen sehr großen Einfluss für die Weiterentwicklung der Soziologie als interdisziplinäre Wissenschaft durch wichtige Beiträge von z.B. Marcel Mauss, Robert Hertz, Henri Hubert. [2]


1.2. Religion

Durkheim interessierte sich sehr für die Bedeutung der Religion in der Gesellschaft. Er wuchs selbst in einer jüdischen Familie auf, jedoch wandte er sich in seiner Jugend vom Judentum ab.

Viele meinen, dass sein früherer Bezug zur Religion seine späteren Gedanken über Religion prägte. Seine Studien über die Religion sind seine wichtigsten anthropologischen Beiträge. Er veröffentlichte auch ein Buch darüber „Les formes élémententaires de la vie religieuse“. Er behandelt darin Religionen in den frühen Gesellschaften, und beschäftigt sich auch mit Theorien über den Ursprung der Religion, also vom Animismus, Naturalismus bis hin zum Totemismus. Er bevorzugte jedoch den Totemismus. [3]

Der religiöse Glaube und die Praktiken geben einen Ausdruck der sozialen Werte durch Normen, Symbole und Mythen. Durkheim bezeichnet dies als „kollektive Repräsentation“. [4]

Sein Focus auf die Dichotomie zwischen „sakral“ und „profan“ ist das berühmteste Beispiel für Durkheims Hang zu dichotomisieren.
Durkheim unterteilt die Religion in eine „sakrale“ (heilige) und eine „profane“ (weltliche). Das Sakrale ist wieder ein religiöser Ausdruck in Symbolen und in Riten der gesellschaftlichen Werte. Das Profane bezeichnet er als eine weltliche Kraft, die keine religiöse Funktion oder religiöse Bedeutung erfüllt. Obwohl sich diese beiden Kategorien gegenüberstehen, interagieren sie miteinander und sind von einander abhängig. [5]

Für Durkheim hat die Religion in der Gesellschaft die Aufgabe eine soziale Funktion zu erfüllen, dadurch behauptet er, dass Religion 4 Charaktere hat, die diese soziale Funktion ermöglichen.

a) Religion ist zwingendReligionsausübung steht unter einem großen Zwang und ist mit Sanktionen verbunden, die von Missbilligung bis zu körperlicher Nötigung gehen.

b) Religion ist generellReligion bringt zusammen und es kommt zu einer Ansammlung von Individuen.

c) Religion ist traditionellReligion existierte schon vor den Individuen und wird diese auch überleben.

d) Religion ist etwas ExternesReligion ist außerhalb der einzelnen Individuen und hat somit einen großen Einfluss. [6]


1.3. „ De la Division du Travail social“

Für Durkheim war neben der Religion auch von enormer Wichtigkeit die soziale Struktur der Gesellschaft. Ihm ist aufgefallen, dass in den industrialisierten und modernen Gesellschaften die Solidarität durch die Arbeitsteilung gewährleistet wird. Er schreibt diesen Gesellschaften eine „organische Solidarität“ zu.
In einem gesellschaftlichen System wo ein hoher Grad an Arbeitsteilung vorherrscht ist jeder einzelne auf etwas spezialisiert und ist somit von den anderen abhängig. Der einzelne Mensch kann allein seine Bedürfnisse nicht mehr abdecken. Jeder Einzelne ist notwendig für die Funktion des Ganzen.

Wiederum in den nicht industrialisierten und traditionellen Gesellschaften wird das Zusammenleben durch die gemeins ame Identität, gemeinsame Rituale und vor allem durch die Religion gestärkt. Dieser Zusammenhalt wird als „mechanische Solidarität“ bezeichnet. [7]


1.4. „ Le Suicide“

Durkheim beschäftigte sich auch sehr intensiv mit dem Phänomen des Selbstmords. Er erkannte bemerkenswerte, unterschiedliche Selbstmordraten unter den Katholiken, den Protestanten; unter den Menschen, die am Land oder in der Stadt lebten; auch unter den Verheirateten oder den Nichtverheirateten; bei jungen oder alten Menschen usw.
Es gibt auch unterschiedliche Statistiken bei den verschiedenen Ländern. [8]

Er behauptete, dass man den Selbstmordakt in 3 Arten einteilen kann.

a) Egoistischer SelbstmordDieser Selbstmord ist ein Ergebnis von zu wenig sozialer Integration. Die Individuen, die nicht genug in sozialen Gruppen eingebunden sind und nicht von der Gesellschaft unterstützt und geschützt werden, tendieren zum Selbstmord.

b) Altruistischer SelbstmordDieser Selbstmord ist ein Ergebnis von zuviel sozialer Integration. Selbstverherrlichung ist ein bestimmtes Merkmal, wo die Individuen so stark integriert sind in soziale Gruppen, dass sie ihre Sicht auf ihre Individualität verlieren, und sie opfern sich selbst auf im Interesse der Gruppe.

c) Anomischer SelbstmordDieser Selbstmord ist ein Ergebnis von der Schwäche der Gesellschaft. Der Einfluss der sozialen Normen und Gesetze auf die Individuen ist gescheitert. [9]

Der Selbstmord wird also in jeder Gesellschaft anders bewertet. Im Katholizismus z.B. wird der Selbstmord als Todsünde propagiert und es findet folglich kein Begräbnis im Friedhof der Gemeinde statt.Jedoch im Vergleich dazu wird in anderen Gesellschaften der Selbstmord zum Wiedererlangen der verloren Ehre durchgeführt z.B. in Gesellschaften Ozeaniens.


1.5. Seine wichtigsten Werke

• « De la Division du Travail social » (1893)
• « Le Suicide » (1894)
• « Les règles de la méthod sociologique » (1895)
• « Primitive Classification » (1903 Durkheim und Mauss)
• « Les formes élémentaires de la vie religieuse » (1912)2.


Auswirkungen auf spätere Forschungsrichtungen

Als Verteidiger der Eigenständigkeit des Sozialen stellt er eine Theorie der Religion auf, mit der er, durch die Bedeutung, die er der sozialen Funktion der Religion beimaß, als Vorläufer des Funktionalismus erscheint. [10]

Auf unterschiedliche Weise hat er sowohl den (primär britischen) Funktionalismus als auch den (primär französischen) Strukturalismus geprägt. Für den anthropologischen Funktionalismus entscheidend war der Einfluss der Durkheimschen Konzepte von Struktur und von kollektiven Ideen auf Radcliffe-Brown, der neben Malinowski zum Mitbegründer des anthropologischen Funktionalismus wurde. Ein wichtiger Vertreter des Strukturalismus ist der Franzose Claude Lévi-Strauss. [11]

Durkheims Werke und Theorien beeinflussten auch sehr stark seinen Neffen, Marcel Mauss. Mauss wichtigstes anthropologisches Werk ist „Essai sur le don“. Er übernahm viele Ansichten Durkheims und verfeinerte sie oder entwickelte sie weiter. [12]


Abschließend möchte ich nochmals zusammenfassen, dass Emil Durkheim sehr viel dazu beigetragen hat, dass sich die Anthropologie und die Soziologie als eine empirische Wissenschaft durchgesetzt hatten. Seine Theorien, Ansichten und Werke sind für unsere Disziplin die Kultur- und Sozialanthropologie unverzichtbar. Durkheims Ideen und Gedanken hinterlassen aber auch Spuren in andere Disziplinen wie z.B. in der Geschichte, in der Religion oder auch in der Politikwissenschaft.


Quellen:

[1] Barth, Frederic; Andre, Gingrich; Parkin, Robert; Silverman, Sydel: One Disciline, Four Ways: British, German, French an American Anthropology.Chicago 2005: University of Chicago Press, S. 172.

[2] Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology.Cambridge 2000: Cambridgen University Press, S. 63 – 64.

[3] [8] Barnard, Alan, ebenda, S. 64.

[4] [6] Barth, Frederic; Andre, Gingrich; Parkin, Robert; Silverman, Sydel, ebenda, S. 174.

[5] Barth, Frederic; Andre, Gingrich; Parkin, Robert; Silverman, Sydel, ebenda, S. 176.

[7] LV Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie – Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, WS 2005/2006.

[9] http://durkheim.itgo.com/suicide.html heruntergeladen am 17.11.2005.

[10] Panoff, Michel; Perrin, Michel: Taschenwörterbuch der Ethnologie. Begriffe und Definitionen zur Einführung. Berlin 2000: Dietrich Reimer Verlag, S. 167.

[11] Gingrich, Andre: Erkundungen. Themen der ethnologischen Forschung. Wien 1999: Böhlau Verlag, S. 182f.

[12] Gingrich, Andre, ebenda, S. 187.

Hallo

Tuesday, October 25, 2005

Hallo - habe es jetzt hoffentlich auch geschafft diesen Blogg zu erstellen. Weitere Infos folgen